Fünf Fragen an Jochen Prümper

Es gibt fast kein Berufsbild, in dem nicht digitalisierte Mobilarbeit stattfindet, sagt Jochen Prümper, Professor für Wirtschafts- und Organisationspsychologie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin. Gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Personalführung, spring Messe Management und dem bao-Büro für Arbeits- und Organisationspsychologie hat er eine Studie zum mobilen Arbeiten durchgeführt, an der sich insgesamt 674 Unternehmensvertreter beteiligten.

Frage 1: Was war das für Sie überraschendste Ergebnis Ihrer Studie „Mobiles Arbeiten“?

Prof. Dr. Jochen Prümper: Vielleicht nicht das überraschendste, aber sicherlich eines der markantesten Ergebnisse unserer Studie ist wohl, dass mittlerweile die Mehrheit der Beschäftigten digital mobil arbeitet und dabei die meisten innerhalb und außerhalb des Betriebsgeländes an wechselnden Arbeitsplätzen tätig sind. Zudem gibt es so gut wie kein Berufsbild, in dem nicht digitalisierte Mobilarbeit stattfindet – von der Ärztin, die mit der „elektronischen Patientenakte im Tablet“ Besprechungen am Patientenbett durchführt, über den Piloten der einen „elektronischen Pilotenkoffer“ mit sich herumführt und den Handwerker, der mittels Smartphone Vermessungen auf der Baustelle vornimmt bis hin zur Altenpflegerin, die Apps zur Leistungsdokumentation nutzt.

Frage 2: Wie gut sind Mitarbeiter und Führungskräfte für die Anforderungen mobilen Arbeitens gerüstet? Welche Kompetenzen sind erforderlich?

Prof. Dr. Jochen Prümper: Vor dem Hintergrund, dass persönliche Bindung zunehmend über digitale Medien aufgebaut wird, gewinnt für Führungskräfte Beziehungsmanagement in einer Kultur des Vertrauens eine neue Dimension. Social Media – wie Foren, Podcasts, Social Networks, Weblogs und Wikis – können Führungskräfte dabei unterstützen, mediale „one to many“ Monologe in sozial-mediale „many to many“ Dialoge zu wandeln. Die klassische Linienhierarchie hat ausgedient. Die Zukunft liegt in der transformationalen Führung: Führungskräfte nehmen Einfluss durch Vorbildlichkeit und Glaubwürdigkeit und sie motivieren durch begeisternde Visionen und regen den Mitarbeiter zu kreativem und unabhängigen Denken an.

Von den Mitarbeitern erfordert digitalisierte Mobilarbeit mehr Flexibilität. Dies betrifft zum Beispiel die Wahl des täglichen Arbeitsortes, der nächsten Arbeitsaufgabe, der jeweiligen Arbeitszeit und sogar des nächsten Arbeit- oder Auftraggebers. Der „eine feste stationäre Bildschirmarbeitsplatz“ war gestern. Vor dem Hintergrund zunehmender Globalisierung, Schnelllebigkeit und abnehmender Planbarkeit müssen häufig mehrere Arbeitsaufgaben parallel und „rund um die Uhr“ erledigt werden. Zudem stellt digitalisierte Mobilarbeit erhöhte Anforderungen an die Selbstkompetenzen – wie Selbstständigkeit, Flexibilität, Kreativität, Initiative, geistige Offenheit, Verantwortungsbereitschaft, Leistungsbereitschaft und Zuverlässigkeit – der Mitarbeiter.

Nach unserer Studie sind vor allem Führungskräfte gut für die Anforderungen IT-gestützter, mobiler Arbeitsformen gerüstet: 55 Prozent stimmen überwiegend oder völlig zu. Fast jeder zweite – 48 Prozent - stimmt auch den Aussagen überwiegend oder völlig zu, dass die Beschäftigten gut auf mobiles Arbeiten vorbereitet sind. Bei näherer Betrachtung zeigen sich hier allerdings große Unterschiede in der Wahrnehmung je nach Hierarchiestufe. Während Geschäftsführer die Ausgangslage für mobiles Arbeiten sehr positiv sehen, sind bereits Abteilungs- und Teamleiter in Bezug auf die Passung von Anforderungen und Realitäten ihrer Organisationen deutlich kritischer.

Frage 3: Und wie gut sind die Unternehmen für das mobile Arbeiten gewappnet? Wo hakt es in den Unternehmen in Deutschland noch am meisten – an der IT, der Ausstattung mit Arbeitsmitteln oder den Organisations- und Führungsstrukturen?

Prof. Dr. Jochen Prümper: Die Befragten unserer Studie sehen es recht differenziert, welchen Einfluss die mobile IT auf das Arbeitssystem hat. Während viele die Entwicklung bei Arbeitszeit, -tätigkeiten, -aufgaben und -organisation positiv sehen, ist die Lage in puncto Arbeitsumgebung, -raum, -platz und insbesondere Arbeitsmittel eher kritisch. Hier berichtet mehr als jeder fünfte Befragte sogar von einer Verschlechterung. Für manche Hardware, zum Beispiel Tablets, scheinen sich gängige Applikationen weniger zu eignen als für andere, beispielsweise Laptops. Das bedeutet, dass es noch geeignete Lösungen für die jüngeren Mobilgeräte braucht. Hier können Usability-Experten gute Dienste leisten.

Mobiles Arbeiten hat dennoch viele Vorteile: Die Arbeitssituationen und ergonomischen Rahmenbedingungen IT-gestützter, mobiler Arbeit sind in mancher Hinsicht sogar besser als bei stationärer Arbeit. Mobile Worker profitieren insbesondere von der Dauer, Lage und Verteilung der Arbeitszeit. Mehr als die Hälfte unserer Befragten sehen diesbezüglich bessere oder gar viel bessere Gestaltungsmöglichkeiten. Die Lage der mobilen Arbeit ist das Zünglein an der Waage.

Frage 4: Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter vor möglichen Gefahren schützen, die zum Beispiel durch nicht ergonomisches Mobiliar, ungeeignete Büroausstattung oder die Entfremdung von den Kollegen im Büro drohen?

Prof. Dr. Jochen Prümper: Die offene Flanke bei digitalisierter Mobilarbeit ist der Arbeits- und Gesundheitsschutz. Für mobile IT-Arbeitsplätze haben bisher die wenigsten Unternehmen eine Gefährdungsbeurteilung gemäß § 5 Arbeitsschutzgesetz vorgenommen. Nach unserer Studie führen diese drei Viertel der Betriebe teilweise oder gar nicht durch. Besonders große Versäumnisse räumen die Befragten in Bezug auf die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung durch mobile Arbeit ein. Hier werden Optionen verschenkt. Denn eine zeitgemäße Prävention bietet konkrete betriebliche Gestaltungslösungen an, wie digitalisierter Mobilarbeit sicher und gesund gestaltet werden kann. Ich kann nur jedes Unternehmen ermuntern, proaktiv eine ganzheitliche – im Übrigen auch gesetzlich geforderte – Gefährdungsbeurteilung digitalisierter Mobilarbeit zu organisieren. Die, die dies tun, werden mit einer gesteigerten Gesundheitskompetenz belohnt werden.

Frage 5: Wie wichtig sind persönliche Treffen? Wie häufig sollten diese stattfinden?

Prof. Dr. Jochen Prümper: Enorm wichtig. Zwar bieten auch asynchrone digitale Medien, zum Beispiel E-Mails, Mailinglisten oder Blogs, sowie synchrone digitale Medien, zum Beispiel Chats, Videokonferenzen oder SMS, kontinuierliche Möglichkeiten der Kontaktaufnahme, aber sie gehen auch Hand in Hand mit einer Abnahme non- und paraverbaler Signale. Gerade persönliche Treffen sind ungemein vertrauensbildend und somit eine wichtige Voraussetzung, dass die Zusammenarbeit auch mobil funktioniert. Deshalb sollten für Teammitglieder regelmäßige Face-to-Face-Treffen möglich sein und Führungskräfte sollten ihre Mitarbeiter auch an den Standorten besuchen und gemeinsame Aktivitäten außerhalb der Arbeitszeit organisieren.

 

Zur Person

Prof. Dr. Jochen Prümper war nach seinem Studium der Psychologie in Utrecht/NL, Landau und München zunächst mehrere Jahre als interner und externer Consultant in der IT-Branche tätig. Seit 1995 bekleidet er eine Professur für Wirtschafts- und Organisationspsychologie an der HTW Berlin. Seine Tätigkeitschwerpunkte liegen in den Bereichen Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) und Human-Computer Interaction (HCI). Ein besonderes Augenmerk legt er bei diesen Themen auf die Verknüpfung von arbeitspsychologischen und arbeitsrechtlichen Fragestellungen.

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